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»Die Auswahl einer guten Personalberatung ist Gold wert«

Christian Ude und Andreas Frische (v.l.) im Gespräch im Münchner SKYLOFTSTUDIO.

Am 8. Juni konnte Andreas Frische, Executive Vice President Mercuri Urval Group, mehr als 70 Gäste im SKYLOFTSTUDIO in München zu einem Gespräch mit Alt-Oberbürgermeister Christian Ude (links im Bild) begrüßen. Ude leitete von 1993 bis 2014 die Geschicke der bayerischen Landeshauptstadt. Im Gespräch gab er spannende Einblicke in die Personalauswahl an der Spitze kommunaler Ämter im Spannungsfeld von politischer Loyalität und fachlicher Kompetenz.

Andreas Frische: Herr Ude, Sie haben eine beachtliche Karriere vom Journalist bei der Süddeutschen Zeitung bis an die Spitze der Stadt München gemacht und sich mehr als 20 Jahre dort gehalten. Für uns bei Mercuri Urval gehört es zum Tagesgeschäft, anhand von bestimmten Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmalen für unsere Kunden die richtigen Mitarbeiter und Führungskräfte zu finden. Wie läuft das bei den Parteien, wie geht man dort mit dem Mangel an verfügbarem und jungem Personal um?

Christian Ude: Zuerst einmal möchte ich der in Wirtschaft und Gesellschaft weit verbreiteten Auffassung widersprechen, dass wir die unfähigsten und korruptesten Politiker in Deutschland haben. Wenn man bedenkt, was zu Lebzeiten über führende Politiker geschimpft wurde, dann ist das mit den überschwänglichen Grabreden, die zuletzt für Guido Westerwelle, Hans-Dietrich Genscher oder Helmut Schmidt gehalten wurden, nicht vereinbar. Deshalb sollte das Urteil über Politiker, die den ganzen Tag angeblich nichts anderes im Kopf haben, sich die Taschen zu füllen, differenzierter ausfallen. Im übrigen zeigt ein Blick auf die zum Teil absurd hohen Managergehälter in der Wirtschaft oder die im Sport grassierende Korruption, dass es so etwas nicht nur in der Politik gibt. Dort können Korruptionsaffären gravierende Folgen haben, wie der Niedergang der PASOK in Griechenland zeigt.
Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wenn etwas faul ist, dann ist es die Kandidatengewinnung bei den Parteien. Im Normalfall wählt der Arbeitgeber die Kandidaten nach den entsprechenden Kriterien aus, die für eine Position notwendig sind. Bei den Parteien hingegen kommt es darauf an, sich als Kandidat genügend Einfluss in den Kreis- oder Landesverbänden zu sichern. Wer sich hier die Mehrheit in den Aufstellungsgremien verschaffen kann, darf als Direktkandidat kandidieren oder kommt auf einen attraktiven Listenplatz bei der Wahl. Das Beispiel der FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher zeigt jedoch, dass der Wähler entscheidend eingreifen kann: Bei der bayerischen Landtagswahl 1962 hatte man sie, die den Funktionären oft zu klug und zu aufrichtig und manchen ,zu weit links‘ war, zur Strafe auf den hoffnungslosen Platz 17 der oberbayerischen Liste verbannt. Durch die in Bayern mögliche Vergabe von Stimmen an einzelne Kandidaten kam sie jedoch auf Platz 1 und zog zum dritten Mal in den Landtag ein. Es kommt also auch auf das Wahlrecht an. Leider ist es bei der Bundestagswahl so, dass die Listenplätze unveränderlich sind, das heißt es kommt einzig auf die Parteigremien und nicht auf die Wähler an.

Frische: Und wie ist es Ihnen beim Einstieg in die Politik ergangen?

Ude: In den 1980er-Jahren bin ich von Georg Kronawitter gebeten worden, mich um ein Landtagsmandat zu bewerben. Dafür habe ich alle Register gezogen und versucht, die Delegierten des Kreisverbands München-Mitte zu überzeugen, dass ich frischen Schwung in die Bude bringen könnte, was ich später als Oberbürgermeister ja auch getan habe. Aber damals bin ich mit Pauken und Trompeten durchgefallen gegen einen Gewerkschaftssekretär, der zwar ein sozial eingestellter Mensch war, der aber keinen einzigen Antrag im Landtag formulieren konnte. Die Vorsitzende des Kreisverbandes hat mir gesagt: „Wenn man Deine Bewerbung liest, dann ist doch schon nach der ersten Zeile klar, dass Du keine Chance hast.“ Da stand bei mir „gelernter Redakteur, Rechtsanwalt“ – mehr nicht. Daraufhin habe ich die Vorsitzende gefragt, warum ich deshalb keine Chance hätte. Ihre Antwort: „Du hast doch sogar zwei Berufe, Du bist doch auf das Mandat gar nicht angewiesen.“ Das ist ein Entscheidungskriterium, das in Parteien zumindest bei der Kandidatur von Landtagsabgeordneten eine ganz große Rolle spielt. Solange die Landesvorstände die Listen bestimmen, ist kaum mit Innovationen im Aufstellungssystem zu rechnen.

Frische: Dennoch setzen sich auch in den Parteien immer wieder Ausnahmetalente durch, wie die eingangs von Ihnen genannten Politiker zeigen. Welche Schlüsselkompetenzen benötigt man für die Politik?

Ude: Bei Ausnahmetalenten denken die Parteien durchaus pragmatisch, denn sie erhöhen letztlich die Wahlchancen der Partei. Gerade auf kommunaler Ebene hat sich der Charakter von Wahlen verändert. Wo es früher in erster Linie um die jeweilige Parteipräferenz ging, kommt es heute zunehmend auf die an der Spitze stehenden Persönlichkeiten an. In Nordrhein-Westfalen reichte es lange Zeit, der SPD anzugehören und Gewerkschafter zu sein, um gewählt zu werden. Lustig ist in diesem Zusammenhang die Geschichte eines Lehrers aus Passau, der von der SPD nominiert wurde, weil die Partei sich bei der Wahl ohnehin keine Chancen ausrechnete. Der war ganz bestürzt, als er gewählt wurde und so seinen Beruf als Lehrer zugunsten eines politischen Mandats aufgeben musste. Heute ist jede Oberbürgermeister- und jede Kanzlerwahl eine Persönlichkeitswahl.

Frische: Als Oberbürgermeister ist man auf gute Leute angewiesen. Wie sind Sie da nach Ihrer Wahl vorgegangen?

Ude: Die Personalentwicklung in der Stadtverwaltung ist eine komplexe Angelegenheit. Während in Baden-Württemberg zum Beispiel jede Landtagsfraktion auch in der Chefetage der Verwaltung vertreten sein muss, bestimmen in Bayern nur die Regierungsfraktionen, wer als Referent an der Spitze der jeweiligen Verwaltungsressorts steht. Diese Auswahl erfolgt nach politischen Kriterien, denn es gibt keinen Stadtratsbeschluss ohne den Antrag des jeweils dafür zuständigen Referenten. Sie können ihre Politik, für die sie gewählt wurden und deren Umsetzung der Wähler zu Recht erwartet, ohne die passenden Referenten gar nicht durchsetzen. Getreu der Devise, dass Juristen alles können, müssen Referenten entweder Juristen sein oder über entsprechende Fachkenntnisse in ihrem Ressort verfügen. Schon beim Stellvertreter des Referenten und alle anderen Mitarbeiter in der Verwaltung gilt: Eignung, Befähigung und vor allem die Beurteilungen entscheiden über die weitere Karriere. Wobei diese Beurteilungen durch den jeweiligen Vorgesetzten erfolgen und damit ein höchst subjektives Kriterium sind. Während ein Referat mit Einsern um sich wirft, legt ein anderes Referat strengere Kriterien an. Mein Versuch, über einen von uns vorgegebenen Beurteilungsdurchschnitt etwas zu ändern, führte allerdings zu zahlreichen Klagen von Mitarbeitern, die sich nun auf einmal zu Unrecht schlechter beurteilt fühlten und vor Gericht auch Recht bekamen.

Frische: Das klingt für mich danach, dass man als neuer Bürgermeister erst einmal mit einer Verwaltung zusammenarbeiten muss, deren Leute man sich gar nicht selbst ausgesucht hat. Das dürfte am Ende Ihrer langen Karriere im Amt sicher anders ausgesehen haben, aber wie viel Einfluss hat man denn dann als neuer Oberbürgermeister am Anfang überhaupt?

Ude: Am Anfang fand ich es aberwitzig, wie wenig Einfluss man da hat. Mir war das als Schülerredakteur allerdings noch aus der Schulzeit bekannt. Wenn ein Oberstudienrat oder gar ein Oberstudiendirektor praktisch nur knapp über der Debilitätsgrenze liegt, dann können sie ihre Schule nur davon befreien, in dem sie ihn ins Bildungsministerium befördern. Das ist Beamtenrecht und den werden sie auch im Ministerium nicht mehr los. Bei einer Reise nach New York, durch die ich mich auf mein Amt vorbereitet habe, sprach ich mit dem frisch gewählten stellvertretenden Bürgermeister der Stadt. In New York wurden damals gerade 14.000 öffentlich Beschäftigte der Stadtverwaltung vom Polizeisheriff bis zum Sozialamtsmitarbeiter entlassen, weil es einen Parteiwechsel beim Oberbürgermeister gegeben hatte. Das ist pervers und fast so wie das griechische System, das zur Krise dort erheblich beigetragen hat: Gewann die PASOK, wurden alle Nea Demokratia-Leute entlassen und durch die Verwandtschaft und Freunde der gewählten PASOK-Vertreter ersetzt – und umgekehrt, wenn die ND wieder an die Macht kam. Dort sind die öffentlichen Kassen zum Selbstbedienungsladen verkommen und vor diesem Hintergrund ist die deutsche Regelung, bei der die Fachkompetenz mehr zählt als das Parteibuch, doch zu bevorzugen.

Frische: Welche Kriterien spielten für Sie eine Rolle, bei der Auswahl Ihrer engeren Mitarbeiter?

Ude: Als Oberbürgermeister bestimmt man zumindest seinen eigenen Büroleiter, den Stab und den Pressesprecher. Oberbürgermeister sind da generell eigennützig und wählen schon allein deshalb gute Leute, weil das sonst auf sie zurückfällt, wenn die schlechte Arbeit leisten. Und natürlich bevorzugen sie Gesinnungsgenossen, denn sie können ihre Ziele nur durchsetzen, wenn die engsten Mitarbeiter mitziehen. Allerdings grenzen Gesetze und die Rechtsprechung die Entscheidungsspielräume ein. Bei der Besetzung von Führungspositionen in kommunalen Beteiligungsgesellschaften wie Stadtwerken, städtischen Krankenhäusern oder Sparkassen sieht das anders aus. Neben politischen Kriterien kommt es hier tatsächlich auch auf Fachkompetenz an. Die Kriterien, die für die Besetzung zugrunde gelegt werden, sind entscheidend. Die Auswahl einer guten Personalberatung ist Gold wert, wenn dadurch bei den Assessments vernünftig gearbeitet und die richtigen Leute ausgesucht werden. Manchmal dient die Einschaltung von Personalberatern aber nur als Alibifunktion, weil die Stadtverwaltung die Kriterien für die Auswahl so eingrenzt, dass nur die gewünschten Personen für die Position in Frage kommen. Deshalb hat es lange Zeit unter den rund 1.000 Sparkassendirektoren und deren Stellvertretern in Deutschland keine einzige Frau gegeben. Es hat mich vier Jahre gekostet, bis ich die Kriterien für die Auswahl so ändern konnte, dass ich zumindest für das Großkundengeschäft eine Frau auf der Vorstandsebene der Sparkassen platzieren konnte.

Frische: Welchen Rat würden Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?

Ude: Wenn man sich die Entwicklung von München ansieht, dann erkennt man verschiedene Phasen. Unter Thomas Wimmer, der von 1948 bis 1960 Oberbürgermeister war, ging es vor allem um den Neuaufbau nach dem Krieg. Hans-Jochen Vogel, der das Amt dann bis 1972 führte, ging es um das weitere Wachstum, dass durch die Olympischen Sommerspiele befördert wurde. Unter Georg Kronawitter, der mit einer Unterbrechung bis 1993 der Stadt vorstand, ging es um die Konsolidierung der rasant gewachsenen Stadt. Für mich standen vor allem Reformen im Vordergrund, um die Stadt und ihre Gesellschaft auf die Veränderungen durch den Zuzug aus Deutschland und aller Welt einzustellen. Für meinen Nachfolger wird es wichtig sein, konsensfähige Lösungen zu finden, um die Abwendung der unteren Gesellschaftsschichten von der Gesellschaft zu verhindern. Die Parteienlandschaft befindet sich im Umbruch und die Risse, die quer durch alle Parteien gehen, gefährden auch die Regierbarkeit von Bund, Ländern und Kommunen. Ich bin froh, dafür nicht mehr verantwortlich zu sein.

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Categorised in: Allgemein, Deutschland

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